Tag 3 - Mittwoch, 15. April 1998, von Neuhausen nach Treben - Am frühen Morgen überquerte ich bei Asch die Grenze in die Tschechische Republik. Ich erreichte Treben erst um 8.40 Uhr Abend. Die Sonne war zu dem Zeitpunkt schon untergegangen. Es gibt viele Prostituierte an den Straßenrändern in der Tschechischen Republik. Ich kann mir nicht vorstellen, als solche verkannt zu werden, da ich einen schmutzigen Overall, einen weiten Pullover und Turnschuhe anhabe und einen teuren japanischen Fotoapparat um den Hals trage. Trotzdem versucht um die Mittagszeit ein kleines rotes Auto mich anzuhalten. Ich denke, es handelt sich um den einzigen ständig Betrunkenen dieser Stadt und ignoriere ihn. Er folgt mir und schwenkt mir durch seine Windschutzscheibe etwas Glänzendes entgegen, bringt seinen Wagen auf gleiche Höhe mit mir, stößt die Beifahrertür auf und fordert mich mit einer Handbewegung auf, im Wagen Platz zu nehmen. Ich sage nein und marschiere weiter. Zu diesem Zeitpunkt schreit er und gestikuliert ärgerlich mit etwas, was wie eine Dienstmarke in seiner Hand aussieht. Ein Mann in einem Auto ohne Kennzeichen in einem fremden Land, dessen Sprache ich nicht spreche und mit einer Plakette, die er in jedem billigen Laden gekauft haben könnte. Rebecca befindet sich im Auto, ein gutes Stück voraus, am Straßenrand. Ich lehne mich in sein Auto hinein und zeige mit dem Finger auf sein Gesicht und sage das Wort »Passport«. Dann laufe ich weiter, hole meinen Reisepass und gebe ihn ihm. Sein Gesicht wird blass. Er starrt noch eine Weile auf dieses unglaubliche Dokument, gibt es mir zurück – flucht, tritt aufs Gaspedal und ist verschwunden. In diesem Moment wird mir zum ersten Mal klar, was es bedeutet, einen US-amerikanischen Reisepass zu besitzen. Wäre dies nicht wegen des Kriegs so, hätte ich auch eines dieser traurigen, machtlosen grünen Büchlein im Ostblockstil.

15. April 1998 - Die New York Times berichtet, dass der tschechische Präsident Vaclav Havel während seines Urlaubsaufenthalts im österreichischen Innsbruck ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Dem Bericht zufolge befand er sich nach einer Notoperation nicht mehr in unmittelbarer Lebensgefahr.


Helmbrechts Walk, 1998-2003
Tag 3 - Mittwoch, 15. April 1998, von Neuhausen nach Treben -
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